Neulich an der Ostsee

Neulich an der Ostsee - Neulich 06 - somabeatHeimlichkeit der erlesenen Art… Sie lehnt mit dem Kopf an der Scheibe und blinzelt in die Welt hinaus, an der sie vorbeifliegt. (Oder anders herum: Ich schaue in die Welt hinein, die an mir vorbeifliegt.) Die Fenster sind ein Stück herunter gelassen und schon seit einer halben Stunde glaubt Tessa, das Rauschen des Meeres zu hören. Ihre Fahrt hat sie über Straßen getragen, deren Belag dunkler zu werden schien, je heller der Tag gedieh. Jetzt, in den bernsteingetönten Freisichten, genießt Tessa jene sentimentale Heimlichkeit: Ein kleines Feuerwerk für sich allein in der Krypta ihres Herzens, na aber. Unser Ausflug geht schließlich zur Ostsee . . . (als Kind, Strandkörbe, herzhafter Kieferngeruch kam über die Dünen…)
Moritz fährt. Seine Hände choreographieren Dub-Versionen von Lee Scratch Perry, die aus dem Radio tröpfeln, und sind überhaupt am allerwenigsten mit dem Lenkrad befaßt. Vielleicht ist Mo deswegen ein guter Fahrer.
Draußen liegen Mais und Sonnenblumen dahingestreckt, plüschen das Flachland aus und schwitzen ihre Farben. Munter wippt eine Oberleitung, ständiger Begleiter, die Masten sind Meilensteine… eeEINnss – zwWEEIIii –drrRR –… Eigentlich möchte Tessa gar nicht wissen, wie weit es noch ist. Jedoch es zieht ihr Auge zurück von den sommergebadeten Gedankenfetzen, die mit Dörfern, Wiesenteppichen und Waldsäumen vorbeisegeln, flirrend noch weit nach Mittag.
Die Reise plätschert gemächlich einher, oft schweigen die Vier. Vorhin, gegen Mittag, war Mo in einen Waldweg gebogen und sie hatten am Rande einer Lichtung Siesta gehalten, im Auto, die Fenster geöffnet. (Ein hungriger Buntspecht pochte an meine Träume.) Albrecht war spazieren gegangen. . .
Tessa mag die Jungs. Albi, Mo, Veit… obwohl Veit blond ist, denn im Grunde gibt es kaum sympathische Blonde. Blonde sind so… eigen, glasäugig und unbestimmbar. Womöglich sogar niederträchtig. Doch Veit geht in Ordnung. Er blättert im Autoatlas, das helle Strömen seines Haares im Luftzug.
Niemand ist besonders gesprächig. Das Meer rührt stille Wasser in uns an, ganz voll Sehnsucht, Erwartung und einer Prise Ehrfurcht. Das Meer nimmt unsere Gedanken mit in die Tiefe, ja. Und dort, gedämpft, ruhen sie, gleiten allmählich über die Grenze der Unendlichkeit, oder des Kitsches, oder auch… Aber der Blick auf das Große entblößt die Kleinlichkeiten, weshalb – so denkt Tessa – sie sich zurückhalten. Niemand ist besonders ambitioniert, außer Albi vielleicht, der beinah so regelmäßig wie die Strommasten kundtut, daß er unbedingt den Sonnenaufgang am Meer erleben möchte.
Ein Ortseingangsschild springt an die Fahrbahn und flüchtet in den toten Winkel, ohne daß Tessa den Namen des Städtchens erkennen konnte. Immer häufiger tauchen riedgedeckte Häuser und FeWo- & Fischgaststätten-Schilder auf. In größeren Ortschaften auch mal zwei Blocks Platte und drei Hektar Kleingärten. Oder drei Quadratkilometer.
»Kleingärtner sind doch alle bekloppt«, bemerkt Mo beiläufig.
Also wirklich, das ist arrogant, das kann sie nicht stehenlassen. »Ich finde Kleingärten schön. Ein Garten ist Erholung, aber anders als Verreisen oder so.« Gezückte Augenbrauen im Rückspiegel. »Und«, sie läßt sich nicht beeindrucken, »die meisten Menschen tun in ihrem Kleingarten Dinge, die sie in der Stadt sonst nicht machen: die Nachbarschaft pflegen, sich ungeniert sonnen, sich um Pflanzen kümmern, …an der frischen Luft sein… Und das Bedürfnis, ein eigenes Stückchen Land zu besitzen, Mo, das hat doch jeder. So was können nur Leute wie du leugnen, Mo.« Einmal ›Mo‹ zuviel?
»Bekloppt sind sie trotzdem«, mault Mo, und überholt just eine dieser Kleingärtnerinnen, in eine babyblaue Kittelschürze gewandet und mit Zierkürbissen im Fahrradkorb, schrundig & in alle Dimensionen mutiert; eine Kleingärtnerin also, die ihrerseits das Ortsausgangsschild überholt. Tessa lehnt ihren Kopf wieder gegen die Scheibe. Der Wind flattert ihr über den Scheitel und sie fühlt sich… fühle mich gar nicht. Fühle nur den Wind.
Die Kulissen des Horizonts verschieben sich gegeneinander, dünnen aus, als »Da, da!« – Albi enthusiastisch – ein chromfarbener Schleier auftaucht, kurz herüberblinkt aus der Vegetation, in den auflandigen Wind geduckt. Begierig starren wir alle in die Richtung und Mo steuert den Wagen in den nächstbesten Feldweg. Es geht durch flache Hügelflanken, den stoppeligen Rücken einer nicht zu entziffernden Wölbung hinauf, hinauf hinauf. . . Bis das Panorama sich endlich ausbreitet, ein großes Stück fallende Leinwand, die nach allen Seiten ausfließt, sogar ins Auto hinein, uns den Atem abgräbt und nach draußen zu zerren scheint.
Ein anschmiegsames Spektakel, sanft, über dem die Sonne ihre Güte breitet, und doch: Dort vorn, wo Erde und Wasser sich umarmen, muß wohl eine spröde, irgendwie morbide Lust hausen… Das Meer. Das Meer ist einfach da. Großes, riesiges Wasser. Lebendig, stolz, verlockend sagt es: Es gibt nichts außer mir und dem Himmel. Ich allein war und werde sein. Und (nicht wahr, Tessa?), deinen Geist ihm entgegengereckt, das Meer angestirnt, fordert und freit es auch schon jenes tiefblühende Bouquet grundsätzlicher Gefühle & Gedanken. Das Meer möchte, daß wir ihm Tribut zollen (oder anders: Zoll tributen?).
Mit abgeschaltetem Motor rollt der Wagen noch ein kurzes Stück Anhöhe hinunter… und kommt schließlich zum Stehen. Sofort springen die Freunde hinaus, Tessa rupft sich die Sandalen von den Füßen, noch zehn Schritte bis zum Strand, die Düne hinunter, heißer Sand und das Laufen darin, dann – autsch! – eine Muschelbank, jetzt feuchter Sand. Dann umspült die erste Welle ihre Fesseln.
Schaut das Meer an.
Das Meer schaut sie an.

Veit setzt sich neben Mo. Er ist naß und die Tropfen, die von ihm perlen, erstarren augenblicklich im Sand. »Weißt du«, beginnt er, »im Winter riecht das Meer anders, oder? Rauher, salziger und mächtiger. Jetzt im Sommer riecht es freundlicher, und… irgendwie flacher. Als wäre es nicht ganz so tief und unergründlich. Nicht so ganz…«
Veit wartet auf keine Erwiderung. Er schüttelt sich wie ein Köter, während Mo, der ein zwei kalte, opalisierende Spritzer abbekommt, seine Sinne ganz auf die See richtet: Die Weite in den Augen, das Ausgestrecktsein, in das es ihn zieht, das modulierte Tosen des Wassers. Irgendwie ist das alles da, und irgendwie ist es nicht da. Jedenfalls hintergründiger als die Schatten von Möwen auf gebräuntem Sand.
Albi steht in der Brandung und schnipst Steine in die Wellenkämme. Um den Hals baumelt seine altmodische Kamera. Weiter hinten, in lichtschwere Luftwirbel gerahmt, schlendert Tessa über den Strand und bückt sich ab und zu, um Muscheln oder anderen Tand aufzulesen. Ich glaube fast, sie führt ein Selbstgespräch. (Oder sie redet mit der See; ob sie unsere Gedanken hören kann…?)
Wieder, mittlerweile zum dutzendsten Mal, steht Mo auf, dreht sich um 360° und läßt sich in den Sandsessel zurückfallen, den er sich angehäuft hat. Hey – es ist schon ein Ding, sooft er darüber nachdenkt. Aber satte 70 % der Welt, mindestens, sind vom Wasser geformt. Und hier die Küste, jede kleinste Kante, jeder winzigste Krümel; alles hat seine Ursache in der Bewegung der See. Konsequent nagt sie an den Ufern, seit Urzeiten und mit titanischer Geduld. Sie ist der größte aller Schöpfer, ganz sachlich meint er das, über die See, die personifizierte Unfaßbare . . .
Das Licht schmirgelt den Abend rund an seinen Ecken. Es poliert ihn auf, und zerstreut sich dann in milden Blitzen von den Wellen her. Das Leuchten ist das ganze Dasein der Wellen. Sie werden geboren, um ein Licht auf die Unterseite des Himmels zu werfen, und vergehen sofort, kehren wieder ein.
»Ich hol mal Bier«, verkündet Veit. »Will noch jemand? Nein? Ach, ich bring gleich zwei Handvoll mit«, und so stapft er ab. Albi hat einen Trawler entdeckt, der schon vor einer Viertelstunde den Horizont angelaufen hatte, ihn aber nicht wieder zu verlassen scheint aus Angst, davor oder dahinter herunterzufallen. Es dauert sein Weilchen, bis Albi das Tele an die Kamera gefriemelt hat. Und jetzt, da er die Szene mit dem romantischen Fischvernichtungs-Kutter ins Klassik-Format bannen möchte, springt ihm Tessa vors Objektiv und schneidet eine süße Fratze – pfrrr.
»Warum machst du überhaupt Fotos, Albi« fragt Mo, halb in die Brandung gerufen. Veit kommt wieder an und tapst zielstrebig an den Rand eines schmalen Priels, wo er zu buddeln beginnt. »Fotos sind doch nur Schemen, verwässerte Rückblicke«, und Mo ist eben eher ein Mensch des Augenblicks. »Ich meine, Fotos von der See können nie die See zeigen, wie sie ist, zum Beispiel.« (Ich will ihn nicht provozieren, doch weiß ich, Albi ist kein fotografischer Künstler sondern ein fotografischer Sammler.)
Veit hat inzwischen ein hinlängliches Loch ausgehoben, das sich voll Grundwasser saugt, und deponiert in diesen ›Kühlschrank‹ einige Bierflaschen. Keine schlechte Idee. Albi überlegt und antwortet erst, nachdem er sich neben Mo niedergelassen hat. »Wahrscheinlich ist es so: Ich mache die Fotos nicht bloß wegen des Meeres, sondern um mich an die Stimmungen zu erinnern, die ich an schönen Orten erlebe. Stimmungen fangen – das geht über eine optische Reproduktion hinaus.« Jetzt sieht er mich an mit seinem Adlerblick, das Auge strahlend und burschikos, von irgendeiner Warte aus. »Wenn ich durch den Sucher spähe und ein Bild anvisiere, dann lege ich meine gesamte mentale Verfassung in dieses Bild, in seinen Aufbau, die Dramaturgie, der Moment des Glücks, nämlich mit diesem …hm, mit diesem Ausschnitt genau das Symbol gefunden zu haben, das der Erinnerung am meisten entsprechen wird – kannst du mir folgen?«
»Ja, du lebst schon jetzt in deiner Erinnerung.«
Albi übergeht die Bemerkung, absichtlich oder nicht. »Überleg doch mal. Fotos transportieren nicht nur meine eigene Stimmung. Angenommen… angenommen, wir schauen uns das Foto eines Gartenhäuschens an.« (plOP! Kronkorken saust vorbei, ein fieser kleiner Ninja-Stern) »Du würdest sagen: Ein Foto von einem Gartenhaus, ahem ja. Foto. Gartenbesitzer sind Spießer. Jemand anderes denkt vielleicht: Wow! Genau so ein Haus hatten meine Großeltern. Der gleiche Bautyp, nur mit hopfenberankten Seitenflügeln am Vordach. Aber genau der gleiche Fußabtreter vorm Treppenabsatz. Rechts, jenseits des Bildrands müßte die Birke mit der Schaukel stehen. Ob die Schaukel noch hängt…? Weißt du, wie ich meine?«
Die andern haben sich zu uns gesellt. Tessa liegt bequem und läßt Sand durch ihre Finger rieseln. Veit – er miesepetert doch nicht etwa? – zappelt in einem fort und versucht, sich am Anblick der See und mit Hilfe seines Bieres zu beruhigen. Die Sonne wird bald untergehen.
»Das kennt ihr sicher auch«, beginnt Tessa, indem sie sich katzengleich aufrichtet. Lichtstaub fängt sich im Kükenflaum auf ihren Unterarmen. »Mir passiert das jedenfalls ständig, daß mir irgendwelche Touristen ihre Kamera in die Hand drücken und mich bitten, ein Bild von ihnen zu schießen vor irgendeiner Sehenswürdigkeit.«
»Bähks!« Mo wittert eine Verbündete. »Bei solchen Bildern rollen sich mir die Fußnägel auf.«
»Ich mach dann immer mit Absicht schlechte Fotos: Abgeschnittene Köpfe, eine Person fehlt, oder es sind nur die Füße und der Mülleimer zu sehen. Manchmal warte ich extra drauf, daß Einer durchs Bild läuft . . . «
Veit kichert kopflos dazu, hohl wie eine Gießkanne. Tessas Worte aber werden mir allmählich Eins mit dem Schäumen & Schaukeln der See, lauter und leiser zugleich, angenehm wie ein guter Abschied, in der Ferne und im Jetzt, gedehntes Schwellen, bis zu einer… Wie eine große Pause. Gesalzen. Eine Schaufel voll Wind. Einsamkeit eventuell?
– Und somit segelt der gute Mo in einen Gedankenguß, der ihn erkennen läßt, daß ein Besuch an der See trotz allen Wassers stets einen erdigen Geschmack hinterläßt, ja nahezu chthonisch uns mit Prinzipiellem versorgt, und Rudimenten davon. An der See ist alles von allen Seiten unumstößlich, breitbeinig, ist das Jetzt auf seine tatsächliche Ausdehnung reduziert, nicht eingeklemmt von Früher oder Später. Das wiederum erleichtert den Mensch.
»Ich möchte den Sonnenaufgang sehen!« kräht Albi im Achterwasser dieses Törns. Aber die Sonne muß doch erst noch untergehen.

Unten, längs der Brandung staut sich Kühle an. Er liegt unter den Sternen und lauscht der Unendlichkeit. Jede große Woge, jedes grandiose Brechen vibriert in seinem Körper. Wie köstlich, ich meditiere über den Puls des Meeres hinweg.
Es ist Nacht & er wartet, wir wissen worauf. Vor einer halben Stunde vielleicht sind die Anderen in ihre Schlafsäcke gekrochen und haben ihn mit den Resten des Lagerfeuers allein gelassen. Albi schaltet den Kassettenrekorder aus, den Mo neben sich plaziert hatte – zum Einschlafen. Hat dieses Reggae-Gedudel endlich ein Ende, sein Soundtrack zum Jetzt. In der Weite der Nacht schleicht nun der eine oder andere Nachhall ihrer Gespräche herbei, Rückblicke auf den Abend, der ausgesprochen intensiv war, wie es unter Freunden vorkommt. Selig fast, wäre da nicht – . . .
Wie sagte ich doch?, was weiß ich, wie es dazu kam: In einer Altbauwohnung, in der man einen Ofen heizen muß, wisse man die Wärme mehr zu schätzen. ›Und analog isses doch mit unseren Bedürfnissen, besonders aber mit der Leidenschaft.‹ (Ein wenig altklug?)
›Komisch‹, überlegte Tessa. ›Ich war bisher immer der Meinung, das Leben trage schon dafür Sorge, daß unsere Sehnsüchte nie von ausreichend Quellen gespeist würden. – So mal auf die praktische Art gesehen…‹
Jupp! Nur die Not macht den Helden‹ polterte Veit mitten drein, tückisch: ›Da braucht man sich nix drauf einbilden.‹ Er nun wieder, mußte alles torpedieren, ob er Recht hatte oder nicht . . .
Das Lagerfeuer läßt sich vom Wind den Bauch streicheln. Die Glut grunzt zufrieden vor sich hin, dünstet & stoffwechselt, wirft manchmal Schatten dorthin, wo keine sein können. Und sind das dort etwa Strandkrabben, die keck Richtung Dünen huschen? Krabben am Ostseestrand? Kann sich nicht erinnern, der Albi… Er ist betrunken.
Vorhin beim Holzsammeln liefen die Vier durch die Dünen und intonierten (oder grölten) einen Kanon über dem Thema Bereuen ist besser als bedauern. Das heißt, Veit kann gar nicht singen, er rappte.
Mo hatte in die Runde gefragt, ob es etwas gäbe, das sie weidlich bereuten. Also ganz tief und voller Scham. Reue sei zwecklos, seierte Veit unmotiviert und hielt ihm ein Bier hin. ›Gott bereut auch nicht, der alte Sadist!‹
Bis Tessa – die stets Aufrichtige – einsprang. ›Nein, ich bereue eigentlich nicht. Aber ich glaube, Frauen sind in dieser Hinsicht praktischer… oder konsequenter. Ihr Männer wünscht euch vielleicht, daß wir bereuen – ha! Ihr seid eifersüchtig, daß wir nicht bereuen.‹ Na das sei dann wohl der feine Unterschied.
›Der Unterschied? Der Unterschied?‹ Veit war richtig aufgeregt, und doch war er es nicht, ich habe keine Ahnung, bin schließlich kein Animoskop… ›Ihr wollt den Unterschied wissen? Ganz einfach: Frauen laufen mit dem Becken, Schwule mit den Schultern und Männer und Lesben aus dem Kreuz.‹ Als wäre er eine wandelnde Zäsur, wie ein Lesezeichen, von dem man nicht weiß, weshalb es an dieser Stelle liegt. Und wie fanden wir dann wieder zurück, zum Bereuen und zum Bedauern?
Ich schließe die Augen.
Als Albi sie wieder öffnet, steht der Mond schief, steht direkt über ihm und läßt sein mildes Schimmern fallen. Genau. Der Mann im Mond, er fährt einen Jeep, und jede Nacht erklimmt er damit eine Kraterwand, wobei ab einer gewissen Steigung das Leuchten der Scheinwerfer hier auf Erden anlandet… So wird es sein mit dem Mann im Mond… Auf Plantagen baut er heimliche, holistische Stimmungen an, Gefühle, mit denen wir nicht geboren werden, sondern die uns überkommen, wenn wir zu den Sternen schauen. Noch dazu am Meer, in glücklicher, prächtiger Monotonie.

Er streckt sich und nimmt einen gierigen Schluck frische, feuchte Morgenluft. Mit jedem Atemzug bekommt der Himmel jetzt mehr Farbe. Zunächst überwiegen flechtenartige Schattierungen von Schweinchenhaut, durchscheinendes Pergament, moiriert von jahrmillionenalten Nässesäumen, dem Echo kosmischer Inkontinenzen . . . Nun ja, immer mehr Licht und Farben, mit geflammten Rändern. In gleichem Maß scheint die Brandung lauter zu werden, aber das kann nur ein Irrtum sein, nicht wahr? (Nein – ein Irr-Tum.) Das Meer geruhte nicht zu ruhen letzte Nacht.
Veit zündet sich eine Kippe an, und er vergißt einen Moment das Auf & Ab der Wogen, vergißt seine Freunde, wo er ist… Vergesse, daß gerade die Sonne aufgeht und sich vom Horizont ablöst wie ein Tropfen Öl vom Rand eines Topfes.
Doch mit einem Mal ist der gesamte Topfinhalt wieder da: Halbgesottenes, Gegorenes, Moppelkotze! Oh Mann, was hatten sie sich in Superlativen und Sophismen ergangen gestern abend. Alle waren sie plötzlich so philosophisch geworden, verabsolutierten jeden Furz, den ein Seepferdchen gelassen haben könnte. Vielleicht hob sie das kandidelte Getue über sich hinaus, jaa…, weil man sich hier so klein fühlt. Und wie man, hat man plötzlich mal freie Zeit, zur Sinnlosigkeit neigt, neigten Mo, Tessa und Albi zur Euphorie im Spiegel ihrer Bedeutungslosigkeit. Aber jetzt fange ich selbst wieder an.
Hinzu kam in fortgeschrittener Stunde ihre alkoholselige Ehrlichkeit: ›Ich begann erst spät, mich für Menschen zu interessieren‹, beichtete Albi und senkte das Haupt in den Schein des Feuers. ›Eigentlich ist es gar nicht so lange her. Ich meine die Geheimnisse im Menschen und zwischen den Menschen, wißt ihr. Welche Denkmuster benutzt jemand, was sagen seine Gesten, auf welche Weise will man verstanden oder geliebt werden.‹ Okay, das leuchtete ein. Deshalb wohl mache er kaum Fotos von Menschen. ›Die Menschen sind doch bloß Anschauungssache.‹ – Und dann Mo, ungewohnt düster, weiß der Teufel warum: Man müsse gesehen haben, wie eine Anschauung vom Leben gefressen wird, sobald sie krankt. Puuuh! Ich bin mir sicher, wenn ich das verstehe, bekomme ich eine Gänsehaut.
Veit fröstelt. Er dreht dem Meer den Rücken und halbschlafwandelt Richtung Auto. Einen Pullover holen, möglicherweise auch ein Bier. Fahle, dünngewetzte Muschelschalen knacken unter seinen Schritten. Die Asche unseres Lagerfeuers bedeckt eine Schicht Pudersand (oder Peeling). Daneben liegen sie – Albi, Mo und Tessa – und schlummern. Tessa gibt ein zahniges Knirschen von sich. Albi zuckt, als sprinte er durch seine Träume, um ja alles ins Visier zu kriegen. Und Mo? Mo schnarcht, und zwar laid back, zu einem imaginären Track von Peter Tosh.
Veit indessen beschleicht das Gefühl, daß wir im Laufe der Zeit blasser geworden sind, beinahe schütter, was zugegeben etwas Geriatrisches hat. Flachatmiges Sein, verankert in leeren Vektoren, einfach absurd, wie wir durchs Leben mäandern, grenzwertige Nullstellen, und uns trotzdem plötzlich dermaßen erhaben fühlen im Bann des großen Wassers. So blödsinnig heilig, oder geheiligt. Dabei ist das Meer nur das Meer und hat mit uns nichts am Hut. Du meine Güte, was sind wir dekadent!
Schon seltsam, denkt er, nicht? Die Einen finden ihren Lebensunterhalt im Meer, die Anderen den Tod. Die Einen verköstigt es, die Anderen verschlingt es. Das Meer ist eine große Farm, und wir, wir sind nur ein paar dämliche Kleingärtner. Und dann persifliert Veit (mit der Stimme eines Marionettenspielers, laut): »Als ich das erkannte, traf es mich hart und unvorbereitet. Ich war letzten Endes geläutert… aber auch desillusioniert.«
. . . – Ah, da ist schon das Auto. Bald, wenn die Sonne hoch genug steht, wird der Tau auf den Scheiben zu blinzeln beginnen und sich schließlich auflösen. Er tritt näher und beobachtet, wie ein Tropfen seinen Weg über den Kotflügel nimmt. Ein Augenblick umfängt die ganze Ewigkeit. Wie schmeckt die Ewigkeit? Veit kostet den Tau, aber er schmeckt nichts Besonderes.
»Verdammte Scheiße!« tönt es da vom Strand her. »Mist verdammter! Jetzt hab ich den Sonnenaufgang verpaßt!« – Albi, der nach seiner Fotoausrüstung wühlt.
Das Licht diesen Morgen ist ein mildes, rückwärts gewandtes Leuchten.

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