Neulich Nachtdrift

Neulich Nachtdrift - Neulich 08 - somabeatAbgeschieden. In einer geborgenen Ecke der Wohnung, dort wo er jetzt hinschleicht, leisetretend wie schon lange nicht- ach! Gedrosselt ist er, von eigenartigen Gefühlsverwirbelungen geirrlichtert, schwankend und trocken, sein Gang ein Schlurfen über Sand, und nicht mehr als unmerkliches Rieseln in der Unendlichkeit.
Die Ankunft ist eine Station. Das Zimmer des Kindes ein Saal, vollgestopft mit der Megalomanie ihres schlechten Gewissens, seines und das seiner Frau. Licht aus dem Flur schwimmt über Klingklangs und Kuschelmuschels und die Komacombo medialer Sedativa, FSK Null, hölzern, ökologisch, bei Gelegenheit fair gehandelt. Und hinten, mitten im Grab des Überflusses, vermickert, vom Rasterschein elterlicher Erwartungen behütet, zersetzte Silhouetten – das Bettchen des Kindes. Süßes Atmen von dort noch kondensiert an der Fensterscheibe.
– He, eigentlich habt ihr vom Kind nichts erwartet, außer daß es bald ein eigenständiges Persönchen sei. –
Kann das so sein? Er will nicht alles sehen. Nicht jetzt. Schalterklappen. Dunkel, Blindpupillen driften ins Schemenglimmen. Die Tür innen wieder gelehnt, furniert, für die Dauer gemacht, gezargt. Sein Plan kommt ihm – für einen Herzschlag – absurd vor, sich zum Kind mit ins Bett zu legen, und ungewohnt heikel, wie geschminkt, als lege er sich, ›der gute Onkel‹, zu einem fremden Kinde.
– Du führst dich theatralisch auf, vielleicht zum ersten Mal in deinem Leben? –
Achiwo! …und er muß ein scharfes, schamvolles Lächeln lächeln, weil das die Frage von zwei Seiten beantwortet.
Als er sich dann niederlegt, schnuppert, den arglosen Geruch von Familie, Wärme, schlafgelöste Glieder, da ist er plötzlich wieder voller Stolz, Zuversicht, am Rande zur Frömmelei, ein Funke Begeisterung für die Wandlungen des Lebens. Und er ist voller Zärtlichkeit, trunken, in der Seele behaucht von der ganzen Zärtlichkeit, die er sich abgespart hat (– Die du dir gewünscht aber nicht verwirklicht hast. Warum nicht? –). Zärtlichkeit die er jetzt plötzlich wiederentdeckt in einer entlegenen Bauchhöhle, die selten benutzt worden sein muß, ein rudimentärer Appendix (würrrg). . .
Das Kind erwacht zur Hälfte, halb lauscht es seiner hellen Traumwelt, halb die Lider, halb noch das Gewissen. Das Gewissen…, ja das Gewissen, denkt er, ist eine üble Einrichtung, und jetzt schürt es von Neuem seine Schmerzen: Wanderschmerz, Seelenbrand, das Rückgrat ein Dornenstengel, bohrende Vergeilung, sticht es Blasen seiner Überlegungen an, die zart verhüllt hätten entschweben sollen um woanders zu platzen – poff! Ergießen sich wieder in sein Bewußtsein. Heiß & tausendfältig. Ein Virus, das permanent mutiert…
– Ja komm, gönn dir ruhig ein bißchen Selbstmitleid. Ein bißchen Angst um dich, vor lauter Angst um die Familie, die auseinanderfällt. Kein Federballspiel mehr gemeinsam, kein Stolz gemeinsam mehr auf Wochenendausflügen, Keingemeinsam immer mehr. Und ein Mann ist schließlich seine Familie, hm? –
Die Dunkelheit um ihn und das Kind ist wie ein Ei, ein Schlupf von Hemisphäre zu Hemisphäre. Mit Widerhall vollgestopft zwar, doch draußen das Leben macht ihm viel mehr Angst. Er stellt sich andere Leben vor. (– Hast aber nur Eins. –) Und dann die Kalkrisse im Ei, Splitterkaskaden Schale um Schale, die Statik ringsum, das Nest und die Kulisse (Seeblick? aus dem Küchenfenster des Bausparvertrags?), haben auf einmal Flügel bekommen, sind bröckchenweise abgehoben & er steht nun da. Nackt in einem brennenden, Wüste gewordenen Sein. Nestlos. . . Muß fort, er muß weg hier, loslaufen. Aaaber… – die Angst! Kreise zu gehen, Wiedergänger der verlassenen Orte, und dann ertragen zu müssen, was danach kommt.
Wenigstens, zwischen den Gedanken, kann er hin und wieder in eine dunstige Wolke Schlaf schlüpfen, das hat er gelernt beim vielen Arbeiten. Bis er die Stimme seiner Frau halluziniert, oder seine Träume zu arg wechselbaden. Oder er glaubt, seine Hand schlafe ein, das Kind hat sich drauf gerollt… Das Kind zappt durch den Tag, Liderflattern und silbrig gewendete Sätze. Es redet vom Weihnachtsmann, oder von einer Nacktschnecke im Weihnachtsmannkostüm. Das fand’s lustig beim Abendbrot (würrrg). . .
Seine Hand ist eine Feder, die über das Daunenhaar am Kindernacken segelt, hinüber zum Hals, wo irgendwo unter der Kinderhaut Adern strömen. Das Kind ist sein Blut und – …d-ein Blut. Es ist absolut beider Kind, so absolut wie sie beide, er & seine Frau, wie sie beide absolut sind, weiß oder schwarz. In ihrem Ehrgeiz bedingungsloses Sein zelebrierten und Perle für Perle den Rosenkranz ihrer Ideale runterbeteten, für die Karriere, fürs Selbstwertgefühl, für das Weiße im Schwarzen und vice versa, viel zu lange schon. Und immer schön die Leiter rauf, rauf rauf rauf! – aber jedem seine eigne Leiter. Für die Reinheit der Kontraste. Rollentausch im fliegenden Wechsel, wenn der Eine dem Beruf götzendiente, während der Andre das Kind betat.
– Ihr habt nicht versucht, euch zu retten, oder? Ihr habt nur immer versucht, euch zu verwirklichen. Weshalb die Wirklichkeit eine unbehauste Gegend wurde… –
Ach so ein. . . ! So, wirklich…? Neonerröten in der Höhle der Nacht. Aufgeschreckt von einem gehässigen Gluckern in der Heizung, aus der Tiefe des Hauses. Freudlos und gehetzt… Und wirklich: Sie haben zu viel von der Wirklichkeit den Tageszielen abgetreten, statt all den anderen Dingen: erlebten Augenblicken, Zufällen und zufälligen Erlösungen, dem Masterplan des Lebens, der zu einem kommt & in dem überraschende Wahrheiten schlummern könnten… Und wirklich: Er und seine Frau fuhren lieber pünktlich zur Arbeit, haben absolut alles gegeben, nur in die falsche Richtung. Ja-haa!
Und – der Gedanke explodiert wie ein Blitz, schillert hinüber zu einem Oder, möglicherweise einem Aber – aber, denkt er also, wir sollten absoluter sein in den beständigen Dingen, in dem was seine Dauer hat im Leben, selbst wenn es sich mit der Witterung ändert. Weil wenn man nichts beständiges schafft, dann gibt’s auch nichts… beständiges. (– Wortsuchst du, um dir zu erklären, was du weißt, um in Wortschachteln das Gewissen zu verpacken, das Beißen des Grauens zu dämmen. –) Absolut! Ist doch ganz egal, was er von einem Moment zum andern denkt, augenblickliche Urteile, über Leute, ein Musikstück, das allgemeine Betriebsklima, sind Rotationen im Bewusstsein, die man besser nicht fixiert. Das Flatterhafte festlegen, nein, ihr Absolutismus hätte tiefer gehen müssen, zu den Dingen, für die sie sich langfristig entschieden haben, das kann man nicht wechseln wie die Bettwäsche. . .
– Das Kind ist beständig. –
Oh verdammt, Egoisten sind sie beide, er und seine Frau! Egoisten, die ihren mühsamen Freiraum für sich genutzt haben, nicht für die Familie, was beständig gewesen wäre, nein. Sie haben sich geteilt – eine Zweiöde. Haben sogar das Kind immer nur abwechselnd ins Bett gebracht, damit der Andere was tun kann: sich ausruhen oder was wichtiges. Was ist denn wichtiger? Daß das Kind vorne stets, über ihren Gedanken hätte stehen müssen…
Achatenes Wissen schält sich aus der Dunkelheit, Schwarz, das Weiß reflektiert, fein säuberlich, über die Kanten leckt vom gefalteten Raum, der Wüste zwischen ihm und seiner Frau. Und dann zuckt er zusammen vor der Leere, die ihr Gesicht austeilt, das Gesicht, welches er jetzt vor sich sieht, kurz nur, das aus dem Sediment rausragt und sich kehrt im Nu (würrrg). . .
»Papa, weinst Du?« Das Kind. Dem Schlaf entstiegen ohne es zu wissen. Das Gesichtchen wie ein Schwamm voll Sabbergeruch gesogen.
»Ach, der Papa muß mal verreisen.« Plötzlich & für länger… »Und ich will, daß du dir merkst, daß der Papa und die Mama dich immer sehr lieb haben. Ganz doll. Merkst du dir das, ja?« Es mag ein Anflug von Hitze sein, ein Sandsturm, der seine Hand rauh und zittrig macht, wie sie über die Wange des Kindes streift. »Mach dir keine Sorgen.«
– Bravo! Ein kleines Monument hast du am Kinde vollbracht (oder vollzogen?). Ja klar, genau was du jetzt brauchst. Bist ein toller Papa, hau rein! Aber die Folgen werden sich später zeigen am Kind, das Starre am Monumentalen, häßlich grüngespante Patina. Vielleicht erst, wenn es kein Kind mehr ist. –
Und dieses Kind sagt ihm nun, daß es nicht will, daß Papa mit im Bettchen schläft. Das ist so eng. . .
Die Dunkelheit bekommt Segel aus Nebel, ausgefranst und fleckig, später ruhiger. Alles andere jedoch bleibt schalenlos, die Kalkreste unterm Zenit gebacken. In der Tat, absolut, es wird Tag werden, gepauste Zwischenzustände zuerst, dann ein Flutlicht über den Pflichten. Und schließlich wird die ganze Realität kommen, so hart und blendend und weit…
Das Herz entgleitet ihm & fällt zurück. Wie in Abgeschiedenheit angebunden. Nur er und sein Gewissen. In die Unendlichkeit geboren, unmerkliches Rieseln, Nachtdrift.

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